Gendersensitive Didaktik & Digitalisierung –
Speaking nearby, not about

Das Verbundprojekt "Gendering MINT digital" zielt nicht primär auf die Generierung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse. Denn zu Gender in MINT liegt inzwischen ein ausgewiesener Literaturkorpus vor; deutschsprachig: Ah‐King (2015), Ebeling/Schmitz (2006), Götschel/Daduna (2001), Götschel/Niemayer (2009), Leicht‐Scholten (2015), Lucht/Paulitz (2008), Mauss/Petersen (2006), Petersen/Mauss (1998), Schmitz (2016) sowie Sammlungen zu lehrspezifischen Ansätzen für Gender in MINT: Balzter/Klenk/Zitzelsberger (2017), Bauer/Götschel (2006), Schmitz (2008), Wedel/Bartsch (2015); englischsprachig eine vierbändige Enzyklopädie, zusammengestellt von Schiebinger (2014), mit allen relevanten Arbeiten der letzten 30 Jahre.

Die digitale Verfügbarkeit und die modulare Aufbereitung solcher Gendering MINT-Inhalte steckt allerdings bisher noch in den Anfängen. Im Zentrum von "Gendering MINT digital" steht daher die Aufbereitung, Erprobung und nachhaltige Distribution der Inhalte und Didaktik in digitalisierten und dynamischen Open‐Science‐Modulen, die erstens zur Doppelqualifikation von Forschenden, Lehrenden und gleichstellungspolitischen AkteurInnen (fachlich und genderkompetent) beitragen sowie inter‐ und transdisziplinäre Kompetenz (Schneidewind/Singer‐Brodowski 2013) zum Einbezug der Genderperspektive in der Verschränkung von Natur‐/Technikwissenschaften mit der Gesellschaft fördern.
Naturwissenschaftlich‐technische und biomedizinische Forschungsfelder arbeiten bereits interdisziplinär, z.B. um globale Umweltprobleme zu lösen (vgl. Schwerpunkt in Nature 2015). Debatten über Natur‐Kultur‐Verschränkungen zur Verkörperung sozialer Erfahrungen stehen zunehmend im Zentrum der Neuro‐ und Kognitionswissenschaften oder in der Epigenetik (Schmitz 2016). Diversitätsaspekte, bio‐soziale Wechselwirkungen und intersektionale Verschränkungen nach Klasse, Ethnizität oder Geschlecht werden in der Gender‐Medizin zunehmend zur Krankheitsdiagnose und Therapie berücksichtigt (Krieger 2012). Technische Entwicklungsfelder versuchen soziale Indikatoren und die Vielfalt von NutzerInnen in partizipative Technikentwicklungen zu inkludieren und das Fachgebiet Informatik und Gesellschaft verknüpft bspw. Technikgestaltung mit Genderforschung, um diskriminierenden Auswirkungen von Technik aufgrund geschlechterstereotyper Vorstellungen entgegen zu wirken (Bath 2014). Insbesondere diese Felder greift "Gendering MINT digital" in seinen Zielgruppenfeldern auf.




Dabei stellen Interaktive Webdokumentationen Grundbaustein des Verbundprojekts dar, die mittels transmedialer Formate mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Narrationen u.a. in Verbindung von „Science (and) Fiction“ experimentieren: Applikationen, die diese Anforderungen erfüllen und mit denen Interaktive Webdokumentationen erstellt werden können, wurden bereits 1997 vom Korsakow-Institut für nonlineare Erzählkunst entwickelt. 2011 wurde i‐docs gegründet und zeitgleich kam klynt auf den Markt, das von der Pariser Filmproduktionsfirma Honkytonk Films entwickelt wurde.
Bislang werden die Möglichkeiten dieser Form des computerbasierten Erzählens zumeist von NGO’s oder im Journalismus (bspw. bei Arte) verwendet. Mitbegründerin von i‐docs Sandra Gauzendi hat gezeigt, welchen Einfluss diese Form der Wissensvermittlung ebenfalls in der Wissenschaft spielen könnte (Gaudenzi 2013; interactivedocumentary.net). Das in "Gendering MINT digital" verfolgte Konzept beruht auf wesentlichen Grundlagen u.a. der Gender Media Studies (Lüneborg/Maier 2013) und Genderforschung im MINT‐Bereich – hier insbesondere auf den Überlegungen zur "situated knowledge" von Donna Haraway (1988), dem Umgang mit der "cadrage" (Bildausschnitt) bei Trinh T. Minh‐ha (2012) und dem "agential cut" bei Karen Barad (1999). Denn, um den transdisziplinären Dialog auf Augenhöhe zwischen verschiedenen Wissensschaftsdisziplinen zu ermöglichen, sollte die Kamera im Sinne der Feminist Science and Technology Studies (FSTS) als Akteur des Geschehens kritisch mitreflektiert werden. Die Frage ist dann, wie sich die Kamera entgegen einem "speaking about" als ein kollaborativer Akt des "speking nearby" (Chen/Minh‐ha 1992) begreifen lässt.
Damit lassen sich ebenfalls die Chancen und Herausforderungen, die mit der Digitalisierung von Forschungs‐ und Lehr‐/Lernprozessen sowie Gender‐Trainings miteinhergehen, in den Blick nehmen. Folgende drei Aspekte sind für die Partizipative Mediografien von Bedeutung:

a) Berücksichtigung von Embodimenttheorien

Basierend auf der These, dass kognitive, affektive und verhaltensbezogene Prozesse verkörpert und in jeweilige Umwelten eingebettet sind, werfen Embodimenttheorien aus der Philosophie, den Kognitions‐ und Medienwissenschaften (Fingerhut et al. 2013) neue Fragen für medio-ethnografische Arbeiten in Form Partizipativer Mediografien auf: Wie wird Wissen von den Beteiligten – im Vorhaben Gendering MINT digital in den verschiedenen Zielgruppenfeldern – erlebt, erlernt und kommuniziert? Wie wird Wissen als eingebettet in verschiedene Umwelten erfahren und wie wirken sich deren Strukturen auf Handlungen und Interaktionen aus? Desweiteren setzt sich dieser Ansatz mit den medialen und ästhetischen Möglichkeiten und Grenzen auseinander, diese Verkörperungsprozesse zur Darstellung zu bringen (Corsten et al. 2010): Welche Rolle können interaktive Bewegtbildmedien übernehmen, um kognitive, emotive und interaktionelle Vorgänge wahrnehmbar und diskutierbar zu machen? Welchen Blickregimen folgen wir und welche Wirkungs‐ und Handlungsmacht (agency) entfalten die medialen, z.B. visuellen Repräsentanten ihrerseits (Burri 2008; Borer et al. 2011)?



b) Partizipative Ansätze,

die im Rahmen ethnografisch‐dokumentarischer Debatten unter der Bezeichnung "Participatory Action Research" (PAR) zur Anwendung kommen, ermöglichen die Verschränkungen von Körpern und jeweils spezifischen Umwelten durch kognitive und emotive Prozesse. Die Beschreibung und Beforschung dieser Verschränkung bedeutet, dass Ethnografie eine Form der Interaktion und Beziehungskonstellation ist (Chevalier/Buckles 2013; Milne et al. 2012). Innerhalb dieses Settings lässt sich die Teilhabe der am mediografischen Prozess Beteiligten unter anderem durch Einbezug
auch ethnofiktionaler Elemente fördern (Minh‐ha 1992; 2009; Klöpping 2004). Das bedeutet, partizipierende Momente als ergebnisbeeinflussend und als problem‐ und konfliktanfällig zu begreifen. Denn je nach Umwelteinbettung und strukturellen Voraussetzungen wird es spezifische Möglichkeiten aber auch Grenzen der Partizipation geben, die thematisiert werden sollen. Habituelle Fragen, die verbunden sind mit Kategorisierungen wie Status, Bildung, Alter, Geschlecht, Spezies oder Ethnie, spielen hier eine große Rolle (Walgenbach et al. 2012; Moritz 2014). Jedoch können erst durch die Reflexion dieser Kategorisierungen und ihrer Verschränkungen die jeweils spezifische Verkörperung von Wissenspraktiken und ihrer Ausgestaltung verstanden werden und partizipierende Strukturen greifen.



c) Filmästhetische und narrative Fragen

Narration und Autorenschaft werden durch Theorien der Verkörperung wie auch durch die Verwendung partizipativer Methoden in Interaktiven Webdokumentationen neu hinterfragt. Interaktivität und Partizipation verlangen in Bezug zur Narration Einfluss auf Inhalt und Form. Diese sollen nicht nur erfahrbar gemacht werden, sondern einer aktiven Konstruktion der partizipierenden Personen unterliegen, was eine bewusste Thematisierung der Mit‐Konstruktion von Realität bedingt. Im Kommunikationsraum Interaktiver Dokumentationen stehen Mensch, Maschine/Technik und Medium in dynamischen Beziehungen zueinander (vgl. auch den Begriff Technografie bei Burri 2008) und während der aktiven Konstruktion der Narration ergibt sich eine stetige Veränderung der einzelnen Bausteine sowie deren Interdependenzen, wie dies beispielsweise in den Montagepraktiken von Harun Farocki (Baumgärtel 2002) deutlich wird. Es stellt sich die Frage, wie sich dieses Gefüge verändert, während es erfahren und konstruiert wird. Wie und in welchem Ausmaß verändern die dynamischen Beziehungen die NutzerInnen, die AutorInnen, die Narrationen und auch technischen Elemente, die in dem System miteinander verlinkt sind (Gaudenzi 2013)? Der Begriff der AutorInnenschaft ist in Hinsicht auf Interaktive Dokumentation und Partizipation ebenfalls zentral. Unter Bezugnahme auf den erläuterten Kommunikationsraum ist es einem/r Autor/in nicht möglich, die Konstruktion vollständig zu überblicken oder zu kontrollieren. Seine/ihre Funktion konzentriert sich auf das Anlegen einer grundlegenden Struktur sowie von Zugangsmodalitäten. Diese Struktur wird in Anbetracht individueller Intentionen jeweils unterschiedlich transformiert. Die Verhaltensweisen beziehungsweise die Funktionen der NutzerInnen sind als explorativ und zugleich konfigurativ zu erachten, was zur Auflösung der Dichotomie von AutorIn und RezipientIn führt.



Für das Verbundprojekt Gendering MINT digital lassen sich inhaltliche Formate der Zusammenführung von ‟Science and Fiction‟ sowie der feministischen und gendersensitiven ‟Science Fiction‟ vorstellen, die auf der Grundlage gegenwärtiger Analysen der Gender Studies im MINT Bereich weitere Ideen, Herausforderungen und Problemlösungsansätze thematisieren können (vgl. Petersen/Mauss 1998; Iglhaut/Spring2003; Macho/Wuschel 2004; Brown/Mangelsdorf 2012; Leeson 2015; Interview Subramaniam/Schmitz 2016; Kegel 2017).
Die durch Videografie und Video‐Elizitation (vgl. Corsten/ Krug/Moritz 2010; Tuma/ Schnettler/Knoblauch 2013) gestützte Evaluation im Verbundvorhaben "Gendering MINTdigital" setzt sich zudem mit Diskussionen zu Qualitätsstandards inter‐ und transdisziplinären Forschens und Lehrens sowie dementsprechenden Evaluationsleitfäden auseinander (Bergmann et al. 2005; Defilaet al. 2000, 2006; Klein 2008).
 

Literatur
Ah‐King, Malin (2015): Genderperspektiven in der Biologie. Marburg: Philipps‐Universität Marburg.
Balzter, Nadine; Klenk, Florion Cristobal & Zitzelsberger, Olga (Hg.) (2017): Queering MINT. Impulse für eine dekonstruktive Lehrer_innenbildung. Opladen: Budrich.

Bath, Corinna (2014): Searching for methodology. Feminist technology design in computer science. In: Ernst, Waltraud & Horwath, Ilona (Hg): Gender in Science and Technology. Interdisciplinary Approaches. Bielefeld: transcript, 57‐87.

Bauer, Robin & Götschel, Helene (2006): Gender in Naturwissenschaften. Ein Curriculum an der Schnittstelle der Wissenschaftskulturen. Mössingen: Talheimer.

Ebeling, Smilla & Schmitz, Sigrid (Hg.) (2006): Geschlechterforschung und Naturwissenschaften. Einführung in ein komplexes Wechselspiel. Wiesbaden: VS.
Gaudenzi, Sandra (2013): The Living Documentary: from representing reality to co‐creating reality in digital interactive documentary. London: University of London Press.
Götschel, Helene & Daduna, Hans (Hg.) (2001): Perspektivenwechsel. Frauen‐ und Geschlechterforschung zu Mathematik und Naturwissenschaften. Mössingen: Thalheimer.

Götschel, Helene & Niemeyer, Doris (Hg.) (2009): Naturwissenschaften und Gender in der Hochschule. Aktuelle Forschung und erfolgreiche Umsetzung in der Lehre. Mössingen: Thalheimer.

Krieger, Nancy (2012): Methods for the scientific study of discrimination and health: from societa injustice to embodied inequality – an ecosocial approach. American Journal of Public Health 102, 936‐945.
Leicht‐Scholten, Carmen (Hg.) (2015): Gender and Science. Perspektiven in den Natur‐ und Ingenieurwissenschaften. Bielefeld: transcript.

Lucht, Petra & Paulitz, Tanja (Hg.) (2008): Recodierungen des Wissens. Stand und Perspektiven der Geschlechterforschung in Naturwissenschaft und Technik. Frankfurt M.: Campus.

Mauss, Bärbel & Petersen, Barbara (Hg.) (2006): Das Geschlecht der Biologie. Mössingen: Talheimer.
Petersen, Barbara & Mauss, Bärbel (Hg.) (1998): Feministische Naturwissenschaftsforschung. Science and Fiction. Mössingen: Talheimer.

Schiebinger, Londa (ed.) (2014): Women and Gender in Science and Technology. New York: Routledge.

Schmitz, Sigrid (Hg.) (2008): Gendergerechtes Lehren und Diversity Management. Special Issue. Zeitschrift für Hochschulentwicklung 3 (2).

Schmitz, Sigrid  (2016): Science. In: Hoogland, Renée C. (Ed.): Handbook Gender: Sources, Perspectives, and Methodologies. MA: Macmillan, 347‐362.

Schneidewind, Uwe & Singer‐Brodowski, Mandy
(2013): Transformative Wissenschaft. Klimawandel im deutschen Wissenschafts‐ und Hochschulsystem. Weimar: Metropolis.
Wedl, Juliette & Bartsch, Anette (2015): Teaching Gender? Zum reflektierten Umgang mit Geschlecht im Schulunterricht und in der Lehramtsausbildung. Bielefeld: Transcript.